Nachhaltige Bildungsreformen –
die Grundlage für Innovationspolitik
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Bildungspolitik ist ein wichtiges Steuerungsinstrument zur Gestaltung unserer
Gesellschaft und natürlich auch unserer Wirtschaft. Es ist allerdings
eher ein Mittel von mittel- bis langfristiger Wirkung. Wissend, dass uns aus
Sicht der demographischen und globalen wirtschaftlichen Entwicklung in den
kommenden Jahrzehnten gravierende Veränderungen bevorstehen, müssen
heute gut geplante Veränderungen im Bildungssystem vorgenommen werden.
Wie auch bei anderen politischen Schwerpunktthemen gibt es viele gute, wissenschaftlich
fundierte Vorschläge zu einer Reform. Forderung an die Politik ist eine
rasche Konsensbildung in und zwischen den Parteien, den Kultusministerien und
dem Bundesministerium für Forschung und Bildung. Ebenso sind die bildungspolitischen
Sprecher/innen und die Ausschüsse im Bundestag aufgefordert, eine nachhaltige
Bildungsreform in Angriff zu nehmen, die weit über eine Diskussion um Elite-Universitäten
hinausgeht.
Als Unternehmerverband fordert UnternehmensGrün verstärkte Investitionen
in unser Bildungssystem. Wir sehen dabei den Bedarf der Wirtschaft an gut ausgebildeten
Kräften in der Breite – kleine Eliten sind nicht unser Ziel. Ebenso
zentral erscheint uns eine stärkere Einbringung von Fragen der Wirtschaftslehre
und der Förderung von Unternehmergeist und Existenzgründung auf allen
Ebenen der schulischen und beruflichen Bildung.
Als Unternehmer/innen stellen wir einige Positionen zur praktischen Umsetzung
einer langfristigen und zielorientierten Bildungsreform vor. Diese Positionen – auch
wenn sie nicht vollständig sein können – sollen gleichzeitig
grundsätzliche Fragen eines nachhaltig organisierten Wirtschafts- und Gesellschaftsbildes
für eine erfolgreiche Zukunft des Standortes Deutschland aufwerfen:
Da Unternehmen in vielerlei Hinsicht auf qualifizierte Auszubildende und Hochschulabsolventen angewiesen sind, gleichzeitig aber auch durch die gezahlten Steuern die Finanzierung sichern müssen, erheben sie den Anspruch auf eine rasche Umsetzung der hier aufgeführten Positionen.
Kostenloses Angebot frühkindlicher Bildung für alle
Wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass im Kleinkindalter wesentliche Grundlagen
für die spätere kognitive und emotionale Entwicklung gelegt werden.
Offensichtlich nicht nachweisbar ist, dass dies nur in der Kleinfamilie passiert,
in der die Mutter daheim bleibt. Wichtig scheint zu sein, dass die Kinder überhaupt
emotionale Bindung erfahren und altersgerechten Lernsituationen ausgesetzt
sind. Wenn also unsere Gesellschaft die Großfamilie und die daraus resultierenden
Wechselwirkungen nicht mehr „anbietet“, dann sollte jedes Kind
die Chance bekommen, ab einem bestimmten Alter diese Erfahrungen zu machen.
Ein altersgemischter Kindergarten in anregender Umgebung mit zugewandten und
motivierten Erzieherinnen und Erziehern in Vorbildfunktion ist eine klare Forderung.
Für jedes Kind. zumindest als Möglichkeit.
Die Kosten dafür dürfen kein Hindernis sein. Denn hier und fast nur
hier besteht die Möglichkeit, eine sozial gerechte Grundlage für
die Bildungs- und Zukunftschancen zu legen. Förderung und Entwicklung
eines Kindes muss zu diesem Zeitpunkt entstehen. Systematisch entwickelt und
allen angeboten werden. Als man sich entschloss, die Schulpflicht einzuführen,
wusste man noch nicht so genau, wie wichtig die Entwicklung im Kleinkindalter
ist. Heute weiß man es wissenschaftlich nachgewiesen – und heute
sollte auch über eine „Kindergartenpflicht“ diskutiert werden
dürfen.
Im besonderen Masse gilt dies für die Förderung von Migrantenkindern,
die ohne eine frühkindliche Ausbildung in der Deutschen Sprache keine
Chance im Bildungssystem haben werden. Und gerade diese Zuwanderer werden zum
Ausgleich für die sinkende Geburtenrate dringend in der Wirtschaft benötigt,
und zwar gut ausgebildet!
Ein erfolgreiches Schulsystem
Nach einer vielleicht zukünftigen 9-jährigen binnendifferenzierten „Grundschule“ (wenn
den deutschen Erziehungswissenschaftlern nicht geglaubt wurde, dann nun vielleicht
den PISA-Experten) kommt die Entscheidung, die Schule fortzuführen oder
sich für eine Ausbildung zu entscheiden. Ein anschließendes 10.
Schuljahr mit dem Schwerpunkt auf praktischem Lernen in Betrieben, wozu es
schon einige vielversprechende Modelle gibt, wäre die Zeit für alle,
sich für einen möglichen Berufsweg zu entscheiden oder sich zumindest
grob zu orientieren.
Danach folgt eine duale oder schulische Berufsausbildung oder eine 3-jährige
Oberstufe mit akademischer Zielrichtung. Dazu werden die Schüler beraten
und auch auf Eignung getestet. Nach dieser Zeit muss eine wesentlich höhere
Durchlässigkeit zu den verschiedenen tertiären Bildungsebenen gewährleistet
sein. Die Schule sollte sich dringend modernisieren lassen und Folgendes bieten:
Überprüfung und permanente Anpassung der Ausbildungsberufe durch die Kammern
Das duale System ist ein in aller Welt hoch anerkanntes und erfolgreiches Modell. Leider wird es an einigen Stellen sehr von Bürokratie und unflexiblen Regularien behindert. Hier gilt es, eine stärkere Kooperation zwischen Schulen und Betrieben zu finden. Zwangsabgaben sind bürokratische Anachronismen. Wichtiger wären positive Anreize und interne Reformen. Beispielsweise sollte man bei den Ausbildungsvergütungen über eine einheitliche Grundbezahlung plus betriebsinterne Zuschläge nachdenken. Auch über eine Verringerung der Kammerbeiträge für Ausbildungsbetriebe muss diskutiert werden. Mehr zweijährige Kurzzeitausbildungen sind zudem eine Möglichkeit, auch in kleineren Betrieben Ausbildung zu ermöglichen. Und sie bieten auch leistungsschwächeren Jugendlichen die Chance auf eine Berufsausbildung mit Abschluss.
Hochschule für viele – im Wettbewerb unternehmerisch geführt
Die unsägliche Diskussion um Elite-Universitäten
macht die ganze Hilflosigkeit der Politik deutlich. Auf der einen Seite werden
mehr Akademiker gefordert, was auch seine Berechtigung hat. Auf der anderen
Seite ist die Finanzsituation in vielen Kommunen derart angespannt, dass die
Mittel bei Kindergärten, Vorschulen und Schulen gekürzt werden. Hier
liegt ein Fehler im System, denn es wird dort gespart, wo das Fundament zur
späteren (Hochschul-) Bildung gelegt werden muss.
Nur eine betriebswirtschaftliche Orientierung der Hochschulen, mit klaren Zielvorgaben
für die Lehrenden und Studierenden macht heute Sinn. Der Spaß am
Studium, und der Wille nach Umsetzung des Gelernten im richtigen Leben muss
stärker miteinander verbunden werden. Hochleistung sollte an allen Universitäten
möglich sein, damit sich die „Eliten“ aus einem ernsthaften
Wettbewerb entwickeln. Denn nicht jedes „Genie“ wird schon im ersten
Semester entdeckt.
Auch wenn einige Forderungen zur Reform des Hochschulwesens bekannt sind, sollen
sie hier noch einmal thematisiert werden:
Berufliche Weiterbildung
Lebenslanges Lernen ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Allerdings
wird es noch nicht in allen Bereichen systematisch realisiert. Vor allem kleine
Unternehmen haben selten die Ressourcen, ihre Mitarbeiter/innen auf lange und
teure Schulungen zu schicken. Dort fehlen Anreize und Möglichkeiten, diese
notwendigen Maßnahmen durchzuführen. Alleine dadurch geraten Kleinunternehmen
immer stärker ins Hintertreffen gegenüber den Großen.
Berufsbegleitende Weiterbildung ist unerlässlich. Viele Angebote sind
schwer in ihrem Erfolg zu bewerten. Schwerpunkt sollte die von und in den Unternehmen
organisierte Weiterbildung sein. Speziell die vom Arbeitsamt aus Versicherungsbeiträgen
und Steuern finanzierte Weiterbildung ist zum Teil anerkannt fragwürdig.
Einem „Training-on-the-job“ in der wirtschaftlichen Wirklichkeit
sollte grundsätzlich Vorrang eingeräumt werden. Der Lernende erkennt
dabei selbst schnell, ob er auf dem richtigen Weg ist. Und die Unternehmen
können leicht beurteilen, ob jemand in die richtige Richtung lernt. Während
sich ein Mitarbeiter eines Unternehmens z.B. fortbildet, kann ein Arbeitssuchender
ein „Praktikum“ auf dessen Stelle machen. Das lässt sich zumindest
bei nicht zu hoch qualifizierten Arbeiten fast immer realisieren.
Aus Sicht der Unternehmen sollten folgende Punkte bedacht werden:
Mit der Reform des Bildungssystems muss schnell und bald begonnen werden.
Als erster Punkt sind die Bildungseinrichtungen selbst aufgefordert, die Effizienzreserven
in der einzelnen Institution aufzuspüren. Der Forderung nach mehr Geld
für die Bildung sollte die Politik erst dann nachkommen, wenn die Reserven
erkannt und genutzt worden sind. Dazu müssen sich Schulen und Universitäten
einem modernen Management stellen, das sich einer betriebswirtschaftlichen
Analyse von Input und Output nicht verwehrt.
Der Bund und die Länder sind explizit aufgefordert, die Bildungsreformreform
schnell und gemeinsam anzupacken, denn nur miteinander lassen sich auch schwierige
Reformschritte wie die Abschaffung des Beamtenstatus für Lehrer, autonome
Mittelverwaltung und Etablierung von flächendeckenden Vorschulen und Ganztagsschulen
einleiten. Unternehmer/innen sind bereit, durch Partnerschaften mit Schulen
auf kommunaler Ebene einen Beitrag zu leisten. Es sollte aber auch darüber
nachgedacht werden, ob es nicht viele ungenutzte Ressourcen gibt. Arbeitssuchende
mit pädagogischer Ausbildung könnten gegen einen Aufschlag auf Transferleistungen
wie Sozialhilfe und Arbeitslosengeld für die Betreuung im Nachmittagsbetrieb
der zu fördernden Ganztagesschulen angeworben werden – zum Beispiel
beim Nachhilfeunterricht zum Erwerb der deutschen Sprache
Es wird notwendig sein, kreative und auch ungewöhnliche Wege zu beschreiten,
um schnell zu einem Ergebnis zu kommen. Die reine Forderung, mehr Geld ins
System zu pumpen, sollte nicht erfüllt werden, wenn nicht nachgewiesen
wird, dass dieses Geld auch nachhaltig und permanent kontrolliert im Sinne
eines effektiven und zielorientierten Bildungssystems eingesetzt wird.
Die ständige Anpassung an technische, soziale und globale Veränderungen
muss dem Bildungssystem immanent sein, damit nicht ständig neue Reformen
gefordert wird. Antizipierendes Planen und Handeln innerhalb eines „selbstlernenden
Bildungssystems“ sollte bei der heutigen Umstrukturierung wesentlicher
Bestandteil sein. Wie so etwas praktisch funktioniert, können Bildungseinrichtungen
von Unternehmen lernen.
Und es wäre sehr erfolgversprechend, wenn die betroffenen Schüler,
Lehrer, Studenten, Ausbilder und auch Eltern sich am Reformprozess beteiligten.
Teamarbeit und Partizipation sind auch in allen Unternehmen ein Garant für
Erfolg. Denn Innovationen, gerade auch innovatives Denken und Handeln, können
nicht befohlen werden, sondern müssen von einer breiten Basis aller Beteiligten
getragen werden.
Matthias Kaiser
Vorstand UnternehmensGrün