Thesenpapier von UnternehmensGrün zu den Grundlagen einer zukunftsweisenden Verkehrspolitik
Nach allen vorliegenden Prognosen wächst der Verkehr dramatisch. Die öffentliche Diskussion bleibt aber trotz aller Warnungen bisher fast ausnahmslos auf Experten- und Politikgremien beschränkt. Die Parole Mehr Straßenbau und durch scheint für viele immer noch die einzige Lösung zu sein und wirkt nach wie vor in vielen Köpfen beruhigend.
Die Dringlichkeit erkennen
Die Koalitionsvereinbarung und der Verkehrsbericht 2000 des Bundesverkehrsministeriums
belegen zwar, dass die Bundesregierung sich der Größe und Dringlichkeit
der Probleme bewusst ist. Aber die von ihr eingeleiteten Schritte wie Bahnreform,
die Lkw-Maut oder die Investitionsprogramme für Straße, Schiene und
Wasserwege genügen den Anforderungen nicht und gehen nur zum Teil in die
richtige Richtung. Von einem Umsteuern in eine zukunftsgerichtete integrale
Verkehrs- und Klimapolitik kann keine Rede sein. Die mit den Bahnreformen und
der Verkehrsinvestitionspolitik als zentrale Elemente der Verkehrspolitik der
Bundesregierung verknüpften Ziele wurden nicht erreicht. Gerade als Unternehmensverband,
der sich für ein ökologisches Wirtschaften einsetzt, müssen und
werden wir uns zukünftig verstärkt in die Diskussionen um nachhaltige
Mobilitätsstrategien einmischen.
Die Fakten und Prognosen begreifen
OECD, Bundesverkehrsministerium und Verkehrsverbände sind sich in den Prognosen
überwiegend einig. Die Fortschreibung der Verkehrspolitik der letzten Jahrzehnte
hätte dramatische Folgen für unser Klima, für die Gesundheit
der Menschen und für die Strukturen von Städten und Gemeinden. Mit
erheblichen ökologischen Belastungen und ökonomischen Folgekosten
muss gerechnet werden. Prognosen rechnen bis zum Jahr 2015 (im Vergleich zu
den Zahlen von 1997) mit einem Anstieg des Personenverkehrs um 22 Prozent, des
Flugverkehrs um 117 Prozent und des Güterverkehrs um 64 Prozent. Die höchste
Steigerung mit 80 Prozent verzeichnet demnach der Straßengüterverkehr.
Zwar wurden durch die Einführung des Drei-Wege-Katalysators und Grenzwertverschärfungen
erhebliche Reduzierungen bei einigen Schadstoffemissionen wie Kohlenmonoxid,
Stickstoffoxid und Kohlenwasserstoff erreicht. Die verkehrsbedingten CO2-Emissionen
sind aber von 1990 bis 2000 um 15 Prozent gestiegen!
Während die CO2-Emissionen des Personenverkehrs aufgrund der Senkung des
spezifischen Kraftstoffverbrauches der Fahrzeuge trotz steigender Verkehrsleistungen
nahezu konstant geblieben sind, haben die CO2-Emissionen des Güterverkehrs
sehr stark zugenommen. Dies lässt sich nachvollziehen, wenn man weiß,
dass die Transportleistungen des Straßengüterverkehrs von 1991 bis
1998 um 28,6 Prozent und die des Luftfrachtverkehrs um 53 Prozent zunahmen,
während gleichzeitig der Gütertransport auf der Schiene in diesem
Zeitraum um 8,2 Prozent abnahm.
Neben der Belastung für das Klima sollte aber auch die Belastung durch
Lärm nicht vergessen werden. Viele Bürger werden durch die enormen
Zunahmen des Straßenverkehrs- und Fluglärms in ihrer Lebensqualität
dauerhaft und krankmachend eingeschränkt.
Entgegen den Verlautbarungen der Automobillobby und der großen Wirtschaftsverbände
hat es in den letzten Jahrzehnten in keinem europäischen Land mehr Straßenneubau
gegeben als in Deutschland. Die negativen Folgen durch die Zersiedelung von
Landschaft und Natur sind offensichtlich. Auch europaweit wurde das Straßennetz
seit 1980 um mehr als 70 Prozent ausgebaut, während der Umfang der Schienenwege
und Binnenwasserstraßen um neun Prozent abnahm.
Den Straßenverkehr bepreisen
Die Transporterfordernisse des 21. Jahrhunderts sind bei den prognostizierten
Wachstumsraten ohne ein Umlenken in Richtung Verkehrsvermeidung etwa
durch Verkürzung der Transportwege und Verkehrsverlagerung auf umweltfreundliche
Verkehrsmittel nicht zu erfüllen. Da die Zeit des relativ billigen
Öls zu Ende geht, würden Wachstum und Lebensstandard in Deutschland
ansonsten sinken. Die Benzin- und Dieselpreise werden dauerhaft steigen, da
der Höhepunkt der Förderung leicht erreichbarer Ölreserven bald
überschritten ist.
Hinzu kommen die Kosten des Dauerstaus auf unseren Straßen, die auf jährlich
200 Milliarden DM geschätzt werden! Der Lkw-Verkehr belastet Umwelt und
Gesundheit extrem. Er erzeugt mehr Stickoxide und krebserregende Rußpartikel
als der gesamte Pkw-Verkehr, obwohl er nur ein Zehntel der insgesamt gefahrenen
Kilometer ausmacht. Er ist auch für erhebliche Schäden an Straßen
und Bauwerken verantwortlich. Ein 40-Tonner zerstört die Straßen
genau so stark wie 160.000 Pkw. Zudem stößt die Finanzierung von
Erhaltung und Ausbau des Straßennetzes an die Grenzen der öffentlichen
Haushalte.
Die Investitionen des Bundes in den Güterverkehr auf den Schienen ändern
nichts an einem grundsätzlichen Problem: Nach wie vor wird der Lkw-Verkehr
durch Steuergelder in großem Umfang subventioniert und zu unsinnigen Transporten
quer über den Kontinent animiert. So erzeugt gerade die regionale Randzonensubventionierung
der EU gewaltige Verkehrsströme.
Der notwendige radikale Wechsel in der Verkehrspolitik ist nur über den
Preis zu erreichen. Dazu müssen die wirklichen Kosten des Verkehrs erfasst
und den Nutzern in Rechnung gestellt werden. Statt der Sozialisierung der Kosten
durch Übertragung auf alle Steuerzahler fordern wir eine verursachergerechte
Anlastung der Kosten, auch der externen (Lärm, Luftverschmutzung etc.).
Die beschlossene Lkw-Maut geht in die richtige Richtung, wobei der vereinbarte
Satz von 15 Cent pro Kilometer (29,3 Pfennig), der am unteren Ende der von Bundesverkehrsminister
Bodewig genannten Spanne von 27 bis 37 Pfennig liegt, weiter hinter dem Erforderlichen
zurückbleibt. Experten fordern etwa eine Mark pro Kilometer. Zudem müsste
diese Abgabe eine deutliche emissionsabhängige Komponente erhalten, um
hohe Abgasstandards zu gewährleisten.
Von besonderer Bedeutung ist die sinnvolle Verwendung der Einnahmen aus der
Straßennutzungsgebühr. Mit diesen Mitteln sollte insbesondere die
Infrastruktur für eine nachhaltige Verbesserung des Güterverkehrs
auf der Schiene gefördert werden.
Den Güterschienenverkehr konkurrenzfähig machen
Das Image der Bahn im Bereich Güterverkehr ist denkbar schlecht. Kunden
klagen über lange Transportzeiten, unflexible Angebote und zu hohe Kosten
im Vergleich zum Transport auf der Straße. Aufgrund des Vorranges des
Personenverkehrs auf dem Schienennetz bewegen sich Güterzüge im Schnitt
mit 18 Kilometer pro Stunde! Allein deshalb ist die Bahn weit von einer Konkurrenzfähigkeit
entfernt. Dazu kommen weitere strukturelle Defizite wie ineffiziente Betriebsstrukturen,
veraltetes Material und eine falsche strategische Ausrichtung. Die Konzentration
des Zugbetriebes auf Kernstrecken verhindert gerade die für die Kunden
der Bahn erforderliche Flexibilität. Dabei bieten die Nebenstrecken ein
großes Potenzial, um stark befahrene Strecken zu entlasten, und sie haben
eine wichtige Funktion als Zubringer zu den Hauptstrecken. Automatisierte Schnellumschlagstechnik
müssten gefördert und an den zahlreichen Netzverläufen, die einen
zügigen Güterverkehr bremsen, müsste ein paralleles Schienennetz
für den Güterverkehr aufgebaut werden.
Wir begrüßen die von der EU angestrebte Liberalisierung des Netzbetriebes,
die die Bahn im Wettbewerb zu mehr Rationalisierung und höherer Qualität
zwingen wird. Es muss aber verhindert werden, dass Umweltstandards der Liberalisierung
zum Opfer fallen.
Wettbewerbsverzerrungen beseitigen
Nach wie vor behindert eine Reihe von fiskalischen und strukturellen Wettbewerbsverzerrungen
die Verlagerung von Verkehr auf umweltfreundliche Verkehrsträger. Neben
der fehlenden konsequenten Anlastung von Wegekosten wird die Situation vom Diskriminierungspotenzial
der DB AG beim bahnsystem-internen (intramodalen) Wettbewerb geprägt. Das
zeigt sich bei der Gestaltung der Nutzungsbedingungen von Bahnhöfen und
Trassen sowie dem Verhalten der DB AG gegenüber konkurrierenden Betreibern
in den Bereichen Vertrieb, Fahrzeugverfügbarkeit und Tarifsystem. Bis auf
einige wenige Ausnahmen, die vor allem im Nahverkehr zu finden sind, werden
damit die Wettbewerbschancen von innovativen Konzepten von Mitbewerbern verhindert.
Die Bahnreform reformieren
Die Umsetzung umwelt- und klimapolitischer Zielsetzungen ist der Bundesregierung
durch die Bahnreformen nicht gelungen. Der Güterverkehr hat weiter Marktanteile
verloren, im Fernverkehr sind die Erwartungen, mehr Reisende auf die Schiene
zu bringen, nicht erfüllt worden. Lediglich im Nahverkehrsbereich ist es
teilweise gelungen, Anteile zu steigern. Gründe für die anhaltende
Misere sind:
Nur durch die Herausnahme des Netzes aus der DB AG Holding kann ein diskriminierungsfreier Zugang von Mitbewerbern zur Infrastruktur ermöglicht werden. Die Rahmenbedingungen müssen so geändert werden, dass im intermodalen Wettbewerb faire Wettbewerbsbedingungen herrschen. Dazu zählen die gerechte Anlastung der Wegekosten, die Angleichung der Kraftstoffbesteuerung der konkurrierenden Verkehrsträger (Besteuerung von Kerosin und Schiffsdiesel), die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe und die emissionsabhängige Landegebühr für Flugzeuge.
Von den Nachbarn lernen
Die Schweiz hat der Bevorzugung des Schienenverkehrs Verfassungsrang gegeben.
Dies hatte erhebliche Konsequenzen für die Verkehrsinvestitionen des Bundes
und der Kantone, die seit Jahren verstärkt in Gleise, Bahnhöfe und
Verladezentren fließen. In den nächsten 20 Jahren werden weitere
40 Milliarden DM in den Netzausbau investiert, finanziert durch Etatumschichtungen
und eine Autobahn-Maut für Lkw und Pkw. Die Ergebnisse sollten eine Ermutigung
zum Umdenken und Handeln in Deutschland sein: In der Schweiz fahren 40 Prozent
der Warentransporte auf der Schiene, in Deutschland sind es 16 Prozent. Die
Schienennutzung steigt bei Transittransporten durch die Schweiz sogar auf 75
Prozent! Im Personenverkehr nutzt jeder Schweizer durchschnittlich 40-mal pro
Jahr die Bahn, mehr als doppelt so oft wie die Deutschen. Trotz der geringen
Größe der Schweiz fährt damit jeder Schweizer pro Jahr 1700
Kilometer mit der Bahn. Dies ist die Folge eines dichten Schienen- und Bahnhofnetzes
und einer Geschäftspolitik, die Nebenstrecken als unverzichtbare Zubringer
zu den Hauptstrecken begreift. Investiert wurde in Zeitersparnis beim Umsteigen
(keine langen Wartezeiten mehr) und weniger in einen Zeitgewinn bei Fernstrecken.
Weitere wichtige Maßnahmen zur Begrenzung der ökologisch schädlichen
Auswirkungen des Verkehrs sind Maßnahmen zur Emissionsminderung durch
ständige Weiterentwicklung der Abgasvorschriften durch Zugrundelegung der
neuesten Techniken, die Verschärfung der Grenzwerte für Feinstaub-
und Stickstoffoxidemissionen bei Diesel-Pkw, die Einführung von Partikelfiltern,
Anreize und Verbote, die eine kontinuierliche Absenkung des Kraftstoffverbrauches
gewährleisten, die verstärkte Förderung bei Forschung und Markteinführung
neuer Antriebstechnologien und die Verabschiedung eines Verkehrslärmgesetzes,
das einklagbare Standards für die Lärmbelastung definiert und dadurch
Lärmvermeidung fördert.
Zur Veränderung des Verkehrsverhaltens schlagen wir die Förderung
eines Modellversuches kostenloser ÖPNV in einer größeren
deutschen Stadt nach dem Vorbild Hasslets in Belgien vor. Die Förderung
einer Kampagne Mobilitätsmanagement in Betrieb und Verwaltung
und die Unterstützung von Städten und Gemeinden bei der Einführung
von Mobilitätsbeauftragten könnte ebenfalls dazu beitragen wie auch
eine Kampagne unter Einbeziehung von Fahrschulen, Verkehrsverbänden, der
Automobilindustrie und den Medien mit dem Ziel, Möglichkeiten und positive
Folgen eines veränderten persönlichen Verkehrs- und Fahrverhaltens
aufzuzeigen.
René Waßmer und Tarik Tell
Vorstände UnternehmensGrün