„Small is beautiful“
Jahrestagung am 8. November 2003 in Leipzig
Es sind vor allem die Klein- und Kleinstunternehmen, die selbst in der aktuellen
Situation noch Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen. Diesem Tatbestand
können sich auch die politischen Parteien nicht ganz verschließen,
und so findet sich die „Förderung des Mittelstandes“ regelmäßig
in Sonntagsreden und Parteiprogrammen wieder. Der Einsicht, dass ein kleiner
Betrieb unter Umständen ganz andere Anforderungen an die wirtschaftspolitischen
Rahmenbedingungen stellt als ein „Mittelständler“ mit 500 Mitarbeitern,
wird hingegen in der politischen Praxis immer noch nicht ausreichend Rechnung
getragen.
Nach der New Economy
Schon auf der letzten UnternehmensGrün-Jahrestagung 2002 in Berlin hatten
viele Referenten und Teilnehmer auf die mangelnde Berücksichtigung der
Klein(st)en unter den KMUs – zu diesem Zeitpunkt bei den „Hartz-Gesetzen“
– hingewiesen. Und so war es nicht nur konsequent, die Kleinunternehmen
in den Mittelpunkt der Jahrestagung 2003 zu stellen. Auch die erstmalige Kooperation
von UnternehmensGrün und Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin fand damit
eine direkte Fortsetzung, zusätzlich unterstützt durch die Medienkooperation
mit dem Wirtschaftsmagazin „brand eins“.
Mit dem Tagungsort Leipzig wagten die beiden Partner ganz bewusst „den Sprung in den Osten“, meinte Ralf Fücks, Vorstand der Böll-Stiftung, in seinem Grußwort. Die Fusionitis und Scheinblüte der New Economy hätten verdeckt, dass eine wirtschaftliche Erholung gerade auch in den neuen Ländern nur von unten erfolgen könne. „Mittlerweile sind Kundennähe und KMUs wieder en vogue“, stellte Fücks erfreut fest. Es bestünden somit bessere Rahmenbedingungen, um die Probleme der kleinen Unternehmen wie niedrige EK-Quote, fehlender Zugang zu Krediten oder Forschungsergebnissen auf die politische Tagesordnung zu setzen.
UnternehmensGrün-Mitglied Ines Wrusch kam in ihrem einleitenden Statement auf die mittelbaren Folgen staatlicher Überregulierung zu sprechen. So seien etwa die Verwaltungskosten pro Mitarbeiter in kleinen Unternehmen über zwanzig Mal höher als bei Beschäftigten in Großunternehmen. Ihr bitteres Fazit: „Die Kleinunternehmen fallen in der Politik durch den Rost, obwohl sie die Mehrheit stellen.“
Anspruch und Wirklichkeit praktischer Wirtschaftspolitik stehen offensichtlich in einem eklatanten Missverhältnis. Eine wesentliche Ursache dafür sei vor allem die starke Allianz von Großunternehmen und etablierten Wirtschaftsverbänden einerseits und ihren Erfüllungsgehilfen in Parlament und Ministerien andererseits, so die These von Antje Hermenau, haushaltspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen. Die Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen durch das Bundeswirtschaftsministerium sei ursprünglich dazu gedacht gewesen, die Subventionen für die „großen Drei“ (Kohle, Werften, Luftfahrt) zu bemänteln.
„An diesem Branchensozialismus hat sich bis heute nichts geändert“, sagte Hermenau. Die politischen Akteure aller Lager wie auch die Wirtschaftsverbände müssten sich die Frage gefallen lassen, ob das Mittelmaß der Konsensgesellschaft weiterhin gelten solle. Aus ihrer Sicht sei die Vogelnestpolitik („Jeder, der laut schreit, bekommt etwas!“) an ihr Ende gekommen, es gelte nun, eindeutige Prioritäten zu setzen und angesichts des demografischen Wandels die Politik langfristig anzulegen: „Der Fachkräftemangel bei den Automobilzulieferern in Ostdeutschlands ist nur der Anfang.“ Rot-Grün habe mit der Steuergesetzgebung und der Beseitigung bürokratischer Hürden zur Förderung von Unternehmensgründungen umgesteuert, „weiter am System herumzudoktern, bedeutet nur die Verlängerung des Siechtums“.
Wirtschaft hilft Wirtschaft!?
Dieser positiven Darstellung rot-grüner Wirtschaftspolitik mochte sich
UnternehmensGrün-Vorstand Eugen Schlachter (Raiffeisenbank Delmensingen)
nicht anschließen. „Hartz bringt nichts außer den 400-Euro-Jobs
für die Gastronomie“, und auch bei der Steuerreform habe man „nur
die Großen entlastet“. Auch in den beiden abschließenden Eingangsreferaten
von Unternehmenspraktikern wurde deutlich, dass die Rahmenbedingungen noch lange
nicht optimal sind.
Jutta Horezky berichtete aus der Praxis ihrer Firma (PC-Ware Information Technologies, Leipzig), die Unternehmen aller Branchen und Größen bei der Einführung und Lizenzierung von Software unterstützt. Viele ihrer Kunden seien eigentlich nicht in der Lage, von den Banken die nötigen Kredite für entsprechende Investitionen zu erhalten. Da PC-Ware aber selbst über die nötige Eigenkapitalausstattung verfüge, habe man, um im Geschäft zu bleiben, Refinanzierungsmodelle entwickeln müssen. „Man kann Unternehmen auch ohne Kredite finanzieren“, meinte Horezky. Wenn die Banken ausfallen, könne die Wirtschaft auch für die Wirtschaft etwas tun.
Stefan Schröter (ODS – Office Data Services, Berlin) beleuchtete in seinem Beitrag vor allem das Verhältnis Mitarbeiter und Unternehmen. ODS habe als erfolgreicher Dienstleister rund um den Bereich Postdienste die Gründungsphase überstanden, nun stehe die Frage im Raum, ob und wie das Unternehmen weiter wachsen solle. Entscheidend werde für die weitere Entwicklung sein, wie flexibel das Unternehmen bei Kapazitätsspitzen und -engpässen reagieren könne. „Es gab bisher keinen Aufbau von Besitzständen“, erläuterte Schröter die Gehaltsfindung bei ODS, neben einem Grundgehalt solle es auch künftig nur bei guter Lage des Unternehmens entsprechende Prämien geben. Zum fairen Umgang zwischen Mitarbeitern und Unternehmen gehöre auch, dass eine Trennung in einer wirtschaftlich schwierigen Situation kein unüberwindbares Hindernis darstelle. Schröter: „Der Arbeitgeber kann vor Gericht nicht immer in der ersten Instanz verlieren.“
Die geplante Lehrstellenabgabe schlug in der folgenden Diskussion hohe Wellen. So wurde einmal der Ansatz des „Strafens“ kritisiert, Ines Wrusch forderte stattdessen eine Förderung der Unternehmen, die über den eigenen Bedarf hinaus ausbildeten. Auch die Zielsetzung bereitete einigen der Anwesenden Unbehagen. „Es macht volkswirtschaftlich keinen Sinn, künstlich über einen faktischen Ausbildungszwang für Berufe zu qualifizieren, bei denen bereits ein Überangebot existiert“, so Stefan Schröter. Antje Hermenau gab hingegen zu bedenken, dass auch der Ansatz des Förderns an seine Grenzen stößt, wenn sich Jugendliche wie beim Bäckerhandwerk partout nicht für diesen Beruf begeistern könnten.
Ralf Fücks wurde dann noch einmal grundsätzlich: Bei der Diskussion um Steuersenkungen, Subventions- und Bürokratieabbau bestehe die Gefahr, dass die politischen Akteure öffentliche Güter wie Bildung und Infrastruktur aus dem Blick verlieren. Fehlende Zukunftsinvestitionen gerade in diesem Bereich könnten mittel- und langfristig nicht zuletzt den Unternehmen erhebliche Schwierigkeiten bereiten.
Das Dilemma der Kleinen
In insgesamt fünf Foren bestand auf der Tagung im Weiteren die Möglichkeit,
einzelne Aspekte der betrieblichen Praxis kleiner Unternehmen vertiefend zu
diskutieren. Im Forum „Marketingstrategien für die Kleinen“
wurde ein zentrales Problem der Kleinstunternehmen behandelt: Was sind meine
Kernkompetenzen, welche Kapazitäten habe ich, welche Kunden kann ich realistischerweise
erreichen?
UnternehmensGrün-Mitglied Bettina Futschik (XSMöbel für Kinder, Kernen/Remstal) beschrieb den Wandel ihres Unternehmens von der „klassischen Ökoschreinerei“ zum Produzenten für ökologisch unbedenkliche Kindermöbel. Um die Abhängigkeit von der Auftragsarbeit zu verringern, stieg XS Schritt für Schritt in die Serienproduktion ein. Die Anbindung an den traditionellen Möbelhandel bereitete Probleme, „hier fehlte häufig die Identifikation mit dem Produkt“. Die Konsequenz war der Einstieg in den Versandhandel als zusätzliches Standbein, wobei neue Schwierigkeiten auftauchten. Die Kundschaft konnte sich zwar schließlich auch für Katalog und Internet erwärmen, die Zusammenarbeit mit den Spediteuren für die Auslieferung an den Endverbraucher war aber keine Erfolgsgeschichte: „Wenn ein LKW-Fahrer einer Hochschwangeren ohne weiteren Service ein großes Paket in den Vorgarten stellt, ist das keine Werbung für den Produzenten.“ Und XS reagierte: eigene Auslieferung mit drei Fahrern an Endkunde und Händler – Beratung und Service inbegriffen.
Entscheidend für den Unternehmenserfolg war nach Futschiks Erfahrung vor allem die schonungslose Selbstkritik. Da man häufig nach dem Prinzip „Trial and Error“ verfahren habe (Futschik: „Planen, Versuchen, Reagieren!“), sei zudem die Fähigkeit zur schnellen Kurskorrektur unabdingbar gewesen. Marketingspezialist Gerhard Mutter (Agentur „Die Crew“, Stuttgart und München) hielt solche „Entscheidungen am Küchentisch“ für bedenklich. Selbst wenn die Änderungen in Produktpalette und Vertrieb, wie bei XS, schnell und der Situation angemessen erfolgten, könne dies ein Marketingkonzept kaum ersetzen. Eine Konzentration auf das Wesentliche, die Fixierung langfristiger Ziele, eine umfassende Marktanalyse und die kontinuierliche Kommunikation der eigenen Stärken „müssen sich auch die ganz Kleinen leisten“. Dieser Analyse wollte Futschik durchaus zustimmen, allerdings bleibe für kleine Unternehmen ein Dilemma immer bestehen: Aufgrund der beschränkten Personalkapazitäten müsste vergleichsweise sehr viel mehr Zeit in Kundenkontakte und Marketingaktivitäten investiert werden – und in der Produktion seien wegen des Termindrucks nun mal keine Abstriche möglich.
„So kann nur ein Unternehmer reden...“
Die Podiumsdiskussion zum Abschluss der Tagung wollte zuerst nicht recht in
Gang kommen. Moderiert von „brand eins“-Redakteur Jens Bergmann,
tauschten die Vertreter aus Unternehmen, Verbänden, Verwaltung und Politik
auf dem Podium einmal mehr die altbekannten Argumente aus. „Die Rahmenbedingungen
müssen verlässlicher werden“ (Martina Hübner, Erzgebirgische
Backwaren, Annaberg), „die Unternehmen brauchen mehr Kapital“ (Brigitte
Brück, Amt für Wirtschaftsförderung, Leipzig), „die Politik
soll mehr auf die Unternehmer hören“ (Elke Bouillon, Phaidros Software,
Ilmenau), „die Sozialversicherungssysteme müssen vom Faktor Arbeit
entkoppelt werden“ (Christoph Zschocke, Arbeitsgemeinschaft Selbständiger
Unternehmer – ASU).
Munterer wurde die Veranstaltung, als ASU-Vize Zschocke zur Sanierung der öffentlichen Haushalte „die längst überfällige Fusion einiger Bundesländer“ vorschlug. „So können nur Unternehmer reden, die von Politik keine Ahnung haben“, kam prompt die Reaktion des Grünen-Wirtschaftspolitikers Fritz Kuhn. Für diese Fusionen seien in allen Bundesländern verfassungsändernde Mehrheiten erforderlich, eine in Gänze kaum überwindbare Hürde. Die etablierten Wirtschaftsverbände müssten endlich einmal zur Kenntnis nehmen, dass trotz der wirtschaftlich schwierigen Lage die Lohnnebenkosten nicht gestiegen seien. Und: „Die Agenda 2010 ist ein einschneidender Eingriff für deutsche Verhältnisse.“
Die Replik ließ nicht lange auf sich warten. Bouillon:„Der Politik fehlt das nötige Sensorium, um die Probleme der kleinen Unternehmen wirklich zu verstehen.“ Die Interpretation der komplizierten Sozial- und Arbeitsgesetze werde niemals zum Selbstverständnis freier Unternehmer gehören. Es müsse möglich sein, das „Kommen und Gehen der Mitarbeiter einfacher zu gestalten“. Auch Hübner wollte die Fortschritte von Rot-Grün nicht in Abrede stellen, die Kommunikation neuer Ideen könne aber verbessert werden: „Ich rede und diskutiere ebenfalls regelmäßig mit meinen Mitarbeitern in der Führungsspitze des Unternehmens – gehe mit Unausgegorenem aber nicht immer gleich an die Öffentlichkeit.“
Beim Thema Subventionen gerieten Kuhn und Zschocke noch einmal aneinander. Die entsprechenden Vorschläge zum Subventionsabbau, so Zschocke, lägen schon lange auf dem Tisch, im Übrigen seien es „gerade die Großunternehmen, die Subventionen abgreifen“. „Ein altes Vorurteil“, entgegnete Kuhn, das den Blick auf die wahren Verhältnisse verneble. „Die Subventionen gehen in die Breite“, ein gutes Beispiel seien die verminderten Mehrwertsteuersätze für viele Branchen, etwa für Schnittblumen. Der Grünen-Politiker süffisant: „Die Inhaberin von Gabi’s Blumenladen gehört bestimmt nicht zu den Großunternehmen.“ In einem Punkt gebe er Zschocke aber Recht: „Solange der Subventionswettlauf einfacher ist als der Innovationswettlauf, sind noch einige Reformschritte nötig.“
Michael Reisser und Britta Kurz