An drei heißen Tagen Ende Mai tourten rund 25 Mitglieder von UnternehmensGrün
durch Lausitz und Spreewald im Südosten Brandenburgs. Die traditionelle
Frühjahrsexkursion führte in diesem Jahr zum ersten Mal in die neuen
Bundesländer. Dementsprechend groß war das Interesse an der wirtschaftlichen
und sozialen Entwicklung vor Ort.
Die direkten und mittelbaren Folgen des Vereinigungsprozesses waren bei allen
Ortsterminen mehr oder weniger präsent: hohe Arbeitslosigkeit, der Niedergang
alter Industrien, Bevölkerungsschwund… Allerdings gingen die persönlichen
Einschätzungen und Erwartungen weit auseinander, große Hoffnungen
in Bezug auf die EU-Osterweiterung, häufig gepaart mit einem großen
Vertrauen in eigene Stärken und Traditionen, wurden ebenso laut wie Skepsis
oder gar Resignation.
Fakten, Fakten, Fakten…
Ausgangspunkt aller Aktivitäten war Cottbus. Nach einem kurzen Begrüßungstreff
vor dem Hotel wurden die Teilnehmer schon beim ersten Termin auf denselben Informationsstand
gebracht: Wolfgang Jahn, Leiter der Cottbuser Wirtschaftsförderung,
gab im Ratssaal eine kursorische Einführung in Geschichte der Stadt und
Region sowie einen Bericht über aktuelle Planungen.

Cottbus zähle gegenwärtig noch 105.000 Einwohner, die
Stadt habe in den letzten zehn Jahren – trotz Eingemeindungen –
rund 25.000 Einwohner verloren. Ein wichtiger Identitätsstifter für
die 850-jährige Stadt sei der Fußballklub „Energie“.
Gegenwärtig vollziehe die Stadt den schwierigen Übergang von einer
klassischen Industriestadt (Textil, Kohle) in einen Technologie- und Wissenschaftsstandort,
unter anderem befördert durch die junge Technische Universität Cottbus.
Dieser Anspruch, so Wolfgang Jahn, sei „aber noch keine Realität“.
Als Messe- und Kongressstadt mit Tagungszentrum mit 11.000 Quadratmetern für
rund 3.000 Menschen bei bis zu 20 Messen pro Jahr verfüge die Stadt aber
schon über einige Erfahrungen. Die Industrieansiedlung sei insgesamt schwierig,
es existiere eine Vielzahl von Brachflächen (Industrie, Militär) für
die Ansiedlung, dagegen „keine Gewerbegebiete auf der grünen Wiese“.
Wolfgang Jahn wies abschließend darauf hin, dass der Bevölkerungsschwund
mit allen Folgen wie ein sinkendes Qualifikationsniveau der Arbeitnehmer, Wohnungsleerstände
oder Abbau von Überkapazitäten im Betreuungs- und Bildungsbereich
(Kindergärten, Schulen) mittelfristig auch auf die westdeutschen Kommunen
zukämen. Die demographische Entwicklung werde dort zu ähnlichen Entwicklungen
führen.
Weitere Eindrücke von der Stadt bekamen die Teilnehmer bei einer Fahrt
in der historischen Straßenbahn. Ein Vortrag zur Geschichte und Gegenwart
der ethnischen Minderheit der Sorben/Wenden im Rahmen eines Abendessens komplettierte
das Bild.
Der nahe Osten
Die Osterweiterung der Europäischen Union steht vor der Tür - und
findet dennoch überwiegend in den Medien statt. In Cottbus und Umgebung,
in Brandenburg insgesamt, rückt die Öffnung der Grenzen dagegen nicht
nur in zeitliche Nähe. Die Vorbereitungen laufen, mitunter bestehen bereits
intensive wirtschaftliche Kontakte nach Polen. Grund genug, um sich in der Industrie-
und Handelskammer einmal intensiver mit dem Thema „Osterweiterung“
zu befassen.

„Die Chancen überwiegen eindeutig“, meinte Jens Krause (IHK
Cottbus) in seinem einführenden Referat. Durch die Öffnung erweitere
sich der Markt schon geographisch „zum wechselseitigen Vorteil“.
Negative Folgen für lohnintensive Branchen wie die Bauwirtschaft könnten
nicht ausgeschlossen werden, auch mit einer Zunahme der Verkehrsströme
sei zu rechnen.
Mit überkommenden Vorstellungen über die polnische Wirtschaft räumte
Reinhard Herold vom Deutsch-Polnischen Eurozentrum (DPE) in Guben auf. So gebe
es in den fünf großen Ballungszentren Polens „ein vergleichbares
Qualifikations- und Gehaltsniveau“, soll heißen: Billige Arbeitskräfte
gebe es im östlichen Nachbarland nur noch in bestimmten Branchen. „Polen
ist gut vorbereitet“, stellte Herold klar, das gelte bereits schon für
die Einhaltung von EU-Standards und Qualitätsnormen. Probleme gebe es allenfalls
im der Landwirtschaft und im Energiesektor.
Und die Chancen? Herold sieht die Gefahr, dass die Grenzregionen beider Seiten
auf Transitfunktionen reduziert werden und die eigentlichen Geschäfte in
Berlin und Warschau laufen. Deshalb müssten die Unternehmen „jetzt
handeln und frühzeitig etwa über die einschlägigen
Kontaktbörsen der Verbände und Kammern potenzielle Geschäftspartner
finden“. In der aktuellen Situation erst einmal abzuwarten, so Reinhard
Herold, sei „keine Option“.
Vom Mond in den Spreewald
Die Schlote des Kraftwerks „Schwarze Pumpe“, dem größten
in Deutschland, waren bereits am Horizont zu sehen. Der Besuch galt aber der
„größten Landschaftsbaustelle Europas“, dem Braunkohlebergbau
Welzow-Süd der LAUBAG (www.laubag.de). Rund 13 Milliarden Tonnen Braunkohle
lagern in der Region rund 100 Meter unter der Erde, um die bis 14 Meter dicken
Flöze freizulegen, müssen enorme Mengen Erdreich bewegt werden.
Nach der Fahrt in die Kohlegrube besichtigte unsere Gruppe ausgewählte
Rekultivierungsflächen. UnternehmensGrün-Mitglied Gerhard Kast
erläuterte dabei eine von seiner Firma, der UP – Umweltanalytische
Produkte GmbH, entwickelte Versuchsanordnung zur Messung der Wasserspeicherung
im Boden. Der Tagebau hat bislang über 6.000 Hektar Land verbraucht, rund
die Hälfte wurde bereits wieder rekultiviert.
Nach den Mondlandschaften des Tagebaus waren die Eindrücke auf der später
folgenden Kahnfahrt durch das Biosphären-Reservat Spreewald um so intensiver.
Beim Abendessen im „Hotel zum Stern“ in Werben ergab sich die Gelegenheit,
mit dem Inhaber, Peter Franke, über Strategien regionaler Vermarktung („Spreewälder
Gurke“) und die Bedeutung der ökologischen Landwirtschaft für
die Gastronomie zu diskutieren.
Beim letzten Termin der diesjährigen Frühjahrsexkursion, bei der zwischenzeitlich
insolventen CargoLifter AG, waren noch einmal die Probleme und Herausforderungen
der Unternehmen in den neuen Bundesländern mit Händen zu greifen.
Die Maßstäbe des Projekts – hier durchaus wörtlich zu
nehmen – wie seines Scheiterns waren besonders eindringlich.
Britta Kurz und Michael Reisser