Gurken, Kohle, CargoLifter

Frühjahrsexkursion 2002 nach Cottbus und in die Lausitz

An drei heißen Tagen Ende Mai tourten rund 25 Mitglieder von Unternehmens­Grün durch Lausitz und Spreewald im Südosten Brandenburgs. Die traditionelle Frühjahrsexkursion führte in diesem Jahr zum ersten Mal in die neuen Bundesländer. Dementsprechend groß war das Interesse an der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung vor Ort.
Die direkten und mittelbaren Folgen des Vereinigungsprozesses waren bei allen Ortsterminen mehr oder weniger präsent: hohe Arbeitslosigkeit, der Niedergang alter Industrien, Bevölkerungsschwund… Allerdings gingen die persönlichen Ein­schätzungen und Erwartungen weit auseinander, große Hoffnungen in Bezug auf die EU-Osterweiterung, häufig gepaart mit einem großen Vertrauen in eigene Stärken und Traditionen, wurden ebenso laut wie Skepsis oder gar Resignation.

Fakten, Fakten, Fakten…
Ausgangspunkt aller Aktivitäten war Cottbus. Nach einem kurzen Begrüßungstreff vor dem Hotel wurden die Teilnehmer schon beim ersten Termin auf denselben Informationsstand gebracht: Wolfgang Jahn, Leiter der Cottbuser Wirtschafts­för­derung, gab im Ratssaal eine kursorische Einführung in Geschichte der Stadt und Region sowie einen Bericht über aktuelle Planungen.

Cottbus zähle gegenwärtig noch 105.000 Einwohner, die Stadt habe in den letzten zehn Jahren – trotz Eingemeindungen – rund 25.000 Einwohner verloren. Ein wichtiger Identitätsstifter für die 850-jäh­rige Stadt sei der Fußballklub „Energie“.
Gegenwärtig vollziehe die Stadt den schwierigen Übergang von einer klassischen Industriestadt (Textil, Kohle) in einen Technologie- und Wissenschaftsstandort, unter anderem befördert durch die junge Technische Universität Cottbus. Dieser Anspruch, so Wolfgang Jahn, sei „aber noch keine Realität“.
Als Messe- und Kongressstadt mit Tagungszentrum mit 11.000 Quadratmetern für rund 3.000 Menschen bei bis zu 20 Messen pro Jahr verfüge die Stadt aber schon über einige Erfahrungen. Die Industrieansiedlung sei insgesamt schwierig, es existiere eine Vielzahl von Brachflächen (Industrie, Militär) für die Ansiedlung, dagegen „keine Gewerbegebiete auf der grünen Wiese“.
Wolfgang Jahn wies abschließend da­rauf hin, dass der Bevölkerungsschwund mit allen Folgen wie ein sinkendes Qualifikationsniveau der Arbeitnehmer, Wohnungsleerstände oder Abbau von Überkapazitäten im Betreuungs- und Bildungsbereich (Kindergärten, Schulen) mittelfristig auch auf die westdeutschen Kommunen zukämen. Die demographische Entwicklung werde dort zu ähnlichen Entwicklungen führen.
Weitere Eindrücke von der Stadt bekamen die Teilnehmer bei einer Fahrt in der historischen Straßenbahn. Ein Vortrag zur Geschichte und Gegenwart der ethnischen Minderheit der Sorben/Wenden im Rahmen eines Abendessens komplettierte das Bild.

Der nahe Osten
Die Osterweiterung der Europäischen Union steht vor der Tür - und findet dennoch überwiegend in den Medien statt. In Cottbus und Umgebung, in Brandenburg insgesamt, rückt die Öffnung der Grenzen dagegen nicht nur in zeitliche Nähe. Die Vorbereitungen laufen, mitunter bestehen bereits intensive wirtschaftliche Kontakte nach Polen. Grund genug, um sich in der Industrie- und Handelskammer einmal intensiver mit dem Thema „Osterweiterung“ zu befassen.

„Die Chancen überwiegen eindeutig“, meinte Jens Krause (IHK Cottbus) in seinem einführenden Referat. Durch die Öffnung erweitere sich der Markt schon geographisch „zum wechselseitigen Vorteil“. Negative Folgen für lohnintensive Branchen wie die Bauwirtschaft könnten nicht ausgeschlossen werden, auch mit einer Zunahme der Verkehrsströme sei zu rechnen.
Mit überkommenden Vorstellungen über die polnische Wirtschaft räumte Reinhard Herold vom Deutsch-Polnischen Eurozentrum (DPE) in Guben auf. So gebe es in den fünf großen Ballungszentren Polens „ein vergleichbares Qualifikations- und Gehaltsniveau“, soll heißen: Billige Arbeitskräfte gebe es im östlichen Nachbarland nur noch in bestimmten Branchen. „Polen ist gut vorbereitet“, stellte Herold klar, das gelte bereits schon für die Einhaltung von EU-Standards und Qualitätsnormen. Probleme gebe es allenfalls im der Landwirtschaft und im Energiesektor.
Und die Chancen? Herold sieht die Gefahr, dass die Grenzregionen beider Seiten auf Transitfunktionen reduziert werden und die eigentlichen Geschäfte in Berlin und Warschau laufen. Deshalb müssten die Unternehmen „jetzt handeln und früh­zeitig etwa über die ein­schlä­gigen Kontaktbörsen der Verbände und Kammern potenzielle Geschäfts­partner finden“. In der aktuellen Situation erst einmal abzuwarten, so Reinhard Herold, sei „keine Option“.

Vom Mond in den Spreewald
Die Schlote des Kraftwerks „Schwarze Pumpe“, dem größten in Deutschland, waren bereits am Horizont zu sehen. Der Besuch galt aber der „größten Landschaftsbaustelle Europas“, dem Braunkohlebergbau Welzow-Süd der LAUBAG (www.laubag.de). Rund 13 Milliarden Tonnen Braunkohle lagern in der Region rund 100 Meter unter der Erde, um die bis 14 Meter dicken Flöze freizulegen, müssen enorme Mengen Erdreich bewegt werden.

Nach der Fahrt in die Kohlegrube besichtigte unsere Gruppe ausgewählte Re­kultivierungsflächen. UnternehmensGrün-Mitglied Gerhard Kast erläuterte dabei eine von seiner Firma, der UP – Umweltanalytische Produkte GmbH, entwickelte Versuchsanordnung zur Messung der Wasserspeicherung im Boden. Der Tagebau hat bislang über 6.000 Hektar Land verbraucht, rund die Hälfte wurde bereits wieder rekultiviert.
Nach den Mondlandschaften des Tagebaus waren die Eindrücke auf der später folgenden Kahnfahrt durch das Biosphären-Reservat Spreewald um so intensiver. Beim Abendessen im „Hotel zum Stern“ in Werben ergab sich die Gelegenheit, mit dem Inhaber, Peter Franke, über Strategien regionaler Vermarktung („Spreewälder Gurke“) und die Bedeutung der ökologischen Landwirtschaft für die Gastronomie zu diskutieren.
Beim letzten Termin der diesjährigen Frühjahrsexkursion, bei der zwischenzeitlich insolventen CargoLifter AG, waren noch einmal die Probleme und Herausforderungen der Unternehmen in den neuen Bundesländern mit Händen zu greifen. Die Maßstäbe des Projekts – hier durchaus wörtlich zu nehmen – wie seines Scheiterns waren besonders eindringlich.

Britta Kurz und Michael Reisser