Exkursion 2003: Duisburg und Ruhrgebiet:

Callcenter statt Kohle

Deutschlands Städte würden sich immer ähnlicher, schrieb der Kulturjournalist Roger Willemsen vor kurzem als Resümee seines Buches „Deutschlandreise“, gerade die Ortszentren präsentierten sich beliebig und austauschbar.
Dieses Verdikt ist für Duisburg mindestens an einem Punkt korrekturbedürftig. Zwar gibt es auch hier die obligatorische Fußgängerzone mit Dönerständen und Kaufhof, komplettiert durch die örtlichen Vertretungen von Tchibo, H&M und einem halben Dutzend Handy-Boutiquen. Es fehlt jedoch das für deutsche Großstädte typische Gebäudeensemble der Versicherungen, Banken, IT- und Telekommunikationsunternehmen. Nur wenige Meter vom Hauptbahnhof findet man sich in einer fast schon kleinstädtischen Umgebung wieder.
Der erste Eindruck korrespondiert durchaus mit der ökonomischen Situation der 500.000-Einwohnerstadt. Noch immer gibt es Stadtteile mit einer Arbeitslosenquote über 15 Prozent, Politik und IHK tun sich schwer, neue Industrien und vor allem Dienstleistungsunternehmen in die Stadt zu locken. Der Wandel von Kohle und Stahl zum Standort Nummer eins etwa für Logistik und Callcenter ist spannend und konfliktträchtig beste Voraussetzungen also für eine Studienreise von UnternehmensGrün.

Schimanski und andere Wahrheiten

„Man kann im Ruhrgebiet problemlos jedes Klischee bedienen, es existieren aber mindestens genau so viele Beispiele, die den Strukturwandel zeigen“, erklärte das Duisburger UnternehmensGrün-Mitglied Klaus Wagener zu Beginn der diesjährigen Exkursion. Es gibt sie, die alten Arbeiterquartiere, und in derselben Stadt die größten Callcenter Deutschlands. Solcherart Widersprüche begleiteten die 16 Teilnehmer die nächsten drei Tage bei jeder Gelegenheit, zumal bei den angereisten Nord- und Südlichtern die Vorstellungen vom Leben „im Pott“ nicht zuletzt durch Medienberichte („Subventionsabbau“) und fiktive Stoffe („Schimanski“) geprägt wurden.
Dabei ist die „alte“ Industrie durchaus noch lebendig. Schon beim Empfang der Stadt wies Oberbürgermeisterin Bärbel Zieling auf den weltweit größten Stahlproduzenten (ThyssenKrupp) am Standort Duisburg hin. Über die Altlasten („verbrannte Erde“) referierte im Folgenden ihr Umweltdezernent, Peter Greulich. Umweltschutz sei in Duisburg „nicht wie in anderen Städten die Sicherung des Sta­tus quo“, es gebe nach wie vor offene Ziele. Auch wenn mittlerweile ein Ökobauer einige Äcker innerhalb der Duisburger Gemarkung bestellt: Riesige Flächen im Stadtgebiet seien dauerhaft belastet, viele davon faktisch nicht nutzbar.
Die Beschäftigungsquote ist mit 31 Prozent erbärmlich niedrig (zum Vergleich Mannheim: 57 Prozent), von insgesamt 210.000 Arbeitsplätzen sind durch den Strukturwandel noch 156.000 geblieben. In der ehemals gewerbesteuerstärksten Stadt Deutschlands existiert noch eine Kohlezeche. Deren Betrieb werde von allen Ratsfraktionen (einschließlich FDP!) mit Ausnahme der Grünen mitgetragen; rund 3.000 Familien seien noch von der Kohle abhängig. Soziale Situation und Umweltbelastung forderten ihren Tribut: Die Lebenserwartung der Duisburger liege um rund zwei Jahre unter dem Bundesschnitt. Und trotzdem, so Greulich, zeigten aktuelle Umfragen eine erstaunliche Zufriedenheit und Identifikation der Einwohner mit ihrer Stadt.

Keine üble Lage

Wie die Stadtverwaltung setzt man auch bei der örtlichen IHK auf die besondere geografische Lage der Stadt. Durch Binnenhafen und gute Verkehrsanbindung könnten im Bereich von zwei Transportstunden rund 60 Millionen Menschen erreicht werden. Duisburg habe als Logistikstandort seine Zukunft noch vor sich, so IHK-Hauptgeschäftsführer Hans-Jürgen Reitzig. Man sei stark auf die Häfen in Rotterdam und Antwerpen orientiert, eine Konkurrenzsituation zu Hamburg sei „nicht zu bestreiten“.
Auch wenn große Unternehmen wie Klöckner, DEMAG oder ThyssenKrupp gegenwärtig noch die Duisburger Wirtschaft prägten, gebe es unter den 46.000 Unternehmen im Kammerbezirk einen Trend weg von großindustriellen Strukturen. Sehe man von den Bereichen Logistik und Callcenter einmal ab, ließen sich derzeit aber noch keine eindeutigen Trends feststellen. Gegen die Stadt hat sich die IHK in Sachen „MultiCasa“ positioniert, ein solches Einkaufszentrum würde dem innerstädtischen Einzelhandel den Todesstoß versetzen. (Das zweifelhafte Vorbild „CentrO“ in Oberhausen war ebenfalls ein Programmpunkt der Exkursion.) Die IHK befürworte stattdessen ein neues Veranstaltungs- und Kongresszentrum zur Aktivierung der Innenstadt.
Reitzig zeigte sich vor dem Hintergrund der allgemeinen wirtschaftlichen Lage zufrieden mit dem positiven Gründungssaldo im Bezirk, dabei „gewinnt die Sicherungsberatung im Vergleich zur Beratung für Existenzgründer an Bedeutung“. Das sieht man bei der „Gesellschaft für innovative Innovationsberatung“ (G.I.B.) in Bottrop ganz ähnlich. Die hundertprozentige GmbH des NRW-Wirtschaftsministeriums mit rund 60 Mitarbeitern und Millionenetats verstehe sich als „Scharnier zwischen Politik und Akteuren des Arbeitsmarkts“, so G.I.B.-Mitarbeiter Jochen Bösel-Agel.
Die GmbH initiiere einmal Transferlösungen bei Arbeitsplatzverlusten, sie sei aber auch Ansprechpartner bei betrieblichen Modernisierungen sowie für Existenzgründer und junge Unternehmen. Für Friedhelm Keuken, Berater bei G.I.B., „ist eine aktiv betriebene Modernisierung von Unternehmen letztlich präventive Arbeitsmarktpolitik“. Hier sei­en Impulse von außen überaus nützlich, das gelte auch für Potenzialberatungen (bisher über 4.000), die zusammen mit externen Beratungsunternehmen durch­geführt werden. Keuken begrüßte in diesem Zusammenhang ausdrücklich die Vorgaben der Bundesregierung, die aktive Beschäftigungsförderung künftig am Erfolg zu messen: „Auch die SPD-Landesregierung scheint dies durchzuhalten.“

„Ruf mich an!“

Ob der Beruf des Bankkaufmanns seine Zukunft bereits hinter sich hat, diese Frage diskutierten die Teilnehmer intensiv nach dem Besuch des Callcenters der Citibank. Von den rund 1.600 Mitarbeitern in Duisburg steht fast ein Drittel ausschließlich im telefonischen Kontakt mit den Privatkunden.
Formale Voraussetzungen für den Job als Agent im Callcenter gebe es nicht, so Citibankmanager Deniz Akkus, künftige Mitarbeiter würden in einem mehrmonatigen Training in einer speziellen Haus-Akademie fit gemacht. Flexible Arbeitszeiten, eine sehr angenehme Arbeitsatmosphäre, keine (!) persönliche Leistungsmessung sowie viel­fältige Möglichkeiten des Aufstiegs und der Weiterbildung sorgen offensichtlich für den gewünschten „Team Spirit“ außer dem geringen Altersdurchschnitt der Belegschaft war zumindest auf den ersten Blick für Besucher nichts Negatives zu beobachten.
Obwohl Politik und Verbände derzeit die Zukunft vor allem im Dienstleistungssektor sehen, setzt man in der Haniel-Gruppe lieber auf „Handfestes“. Haniel, vormals vor allem bekannt für seine Reederei, investiert zwischenzeitlich vor allem in den Bereichen Bau („Ytong“), Pharmavertrieb („Gehe“) und Schadensanierung („Belfor“), zudem bleibt die Gruppe auch weiter­hin zu einem Drittel an „Metro“ beteiligt. Beim Besuch in Ruhrort im firmeneigenen Museum der Konzern­zentrale wurde der Erfolg dieser Strategie deutlich: Mittlerweile 54.000 Mitarbeiter erwirtschafteten 2002 bei einem Umsatz von 22 Milliarden einen Gewinn vor Steuern von fast 500 Millionen Euro. Und: Die 500 Anteilseigner, allesamt direkte Nachkommen des Firmengründers, sind dabei nicht im operativen Management vertreten.
Und was ebenfalls immer geht, ist die Gastronomie für den kleinen Geldbeutel. So konnte sich die UnternehmensGrün-Delegation selbst davon überzeugen, dass an Kommissar Schimanskis „City-Grill“ (ja, den gibt es wirklich) selbst zu mitternächtlicher Stunde die Kundschaft (neben Jugendlichen ein Paar mit Goldkettchen und Daimler) zuvorkommend bedient wird „Mahlzeit!“

Michael Reisser und Britta Kurz