Bericht von der Jahrestagung 2002 in Berlin
Mehr grüne Wirtschaftskompetenz
„Grün und Entrepreneurship gehören zusammen“, so Ralf
Fücks (Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung) in seiner Begrüßung
der Tagungsteilnehmer. Die Kooperation der Böll-Stiftung mit UnternehmensGrün
sei deshalb nicht nur konsequent, gerade die aktuelle Situation zeige deutlich,
dass nur Konzepte nachhaltigen Wirtschaftens neue Perspektiven eröffneten.
Hier könnten beide Kooperationspartner wichtige Beiträge leisten.
Ein nachhaltiger Abbau der Arbeitslosigkeit sei Gradmesser Erfolg rot-grüner
Wirtschaftspolitik, und zwar „auf eine Weise, die nicht in den ökologischen
Ruin führt“. Außer Hartz sei der Koalition nicht mehr viel
geblieben, mit „Methoden der Zwangsverwaltung“ könnten steigenden
Lohnebenkosten und die Folgen demographischer Verwerfungen nicht angegangen
werden. Rot-Grün müsse endlich „eine mittelfristige Perspektive“
entwickeln.
Leider sei „grüne Wirtschaftspolitik in der öffentlichen Diskussion
insgesamt wenig erkennbar“, sagte Edith Memmel (Vorstand UnternehmensGrün)
in ihrem Grußwort. SPD und auch große Teile der Grünen hätten
zu Unternehmern ein distanziertes Verhältnis und huldigten „einer
überkommenen Tradition des Etatismus“. Grüne Ökonomen und
Unternehmer vertrauten hingegen auf stärkere Kräfte: „Menschen
und ihre Ideen“.
Werbung für Hartz
Nicht alle Mitglieder der Hartz-Kommission seien von allen dort entwickelten
Ideen vollständig überzeugt. Norbert Bensel, Personalvorstand der
Deutschen Bahn AG und Mitglied der Kommission, vertritt das Ergebnis dennoch
ohne Vorbehalte: „In der Konsensgesellschaft sind Kompromisse nötig.“
In seinem Vortrag wandte sich Bensel entschieden gegen den Vorwurf, die Kommission
hätte die Wirtschaftspolitik ausgeklammert und ausschließlich auf
den Arbeitsmarkt konzentriert. Eine schnellere und zielgerichtete Vermittlung
habe auf Beschäftigungseffekte: „Auch Arbeit schafft Arbeit, nicht
nur Wachstum allein.“
Zentrales Element des Hartz-Konzeptes seien die Personal-Service-Agenturen (PSA),
durch sie könne die „Zeitarbeit aus der Schmuddelecke geholt“
werden, gleichzeitig stehe ein erprobtes Konzept zur Verfügung, dass mit
staatlicher Förderung „Menschen in den Arbeitsprozess zurückholt“.
Die Übernahme in unbefristete Arbeitsplätze beim ausleihenden Unternehmen
(„Klebeeffekt“) werde angestrebt. Dabei solle die PSA „wirtschaftlich
arbeiten, die Agenturen sind keine Beschäftigungsgesellschaften“.
Das Konzept des „Ausbildungszeitwertpapiers“ streifte Bensel nur
kurz, seine Ausführungen zur Jugendarbeitslosigkeit behandelten vor allem
das politische Umfeld. „Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik können
nur gemeinsam gedacht werden“, und der Bahnvorstand wurde hier sehr konkret
in seinen Forderungen: Die traditionelle duale Ausbildung sei nicht für
alle Jugendlichen geeignet, „die Schranken und Vorbehalte insbesondere
der Gewerkschaften gegen modulare Konzepte und Kurzzeitausbildungen müssen
vom Tisch“.
Dass Hartz den Arbeitslosen auch einiges zumute, sei zwar richtig, die Betrachtung
aber häufig einseitig, denn „die andere Seite erhöht auch ihre
Leistungen und macht entsprechende Angebote“. Überhaupt bekomme „Arbeitslosigkeit
endlich wieder ein Gesicht“, sei durch das Konzept der Kommission ein
öffentliches Thema.
In einem kurzen Redebeitrag aus dem Publikum unterstützte UnternehmensGrün-Mitglied Michael Klanck (Hamburg) diese Position ausdrücklich, Hartz habe hier „ein unschlagbares Argument“ geliefert, dass in der aktuellen Debatte viel zu kurz komme: „Arbeitslose haben einen Vertrag mit der Gesellschaft“, man dürfen beide Seiten nicht „aus ihren Verpflichtungen rauslassen.“
Geht Hartz nur eins zu eins?
Alexandra Wagner (Forschungsteam Internationaler Arbeitsmarkt GmbH) kritisierte
nicht nur vehement, dass das Hartz-Konzept von Regierungsseite für sakrosant
erklärt wurde („Umsetzung eins zu einz“, „Hartz nur im
Paket“ etc.). Wagner passt gleich die ganze Richtung nicht, letztlich
„geht es um eine stärkere Marktgängigkeit der Arbeit, mehr vom
selben auf niedrigerem Niveau“.
Die Sozialwissenschaftlerin bemängelte, dass weder eine verschärfte
Zumutbarkeit, geringere Lohnkosten oder Deregulierungsmaßnahmen die Zahl
der Jobangebote im nötigen Maße steigern werden. Sie bestritt einen
nachhaltigen Klebeeffekt durch die PSA, zu befürchten sei eher die Ausweitung
prekärer Beschäftigung. Auch eine Bekämpfung der Schwarzarbeit
könne etwa durch die „Mini-Jobs“ in Haushalten nicht erreicht
werden, da Schwarzarbeit in der Regel ein Zubrot darstelle; der Anreiz für
legale Beschäftigung sei gering einzuschätzen. Auch fehle hier schlicht
das große Potenzial für mehr Beschäftigung, reguläre Beschäftigung
nach altem Recht wandele sich hingegen zur Scheinselbstständigkeit.
Wagners Kritik gipfelte in dem Vorwurf an die Kommission, sie schaffe die Voraussetzung
„zum staatlich subventionierten Geldverdienen mit der Arbeitslosigkeit“,
„Arbeitlose werden gefordert, Unternehmer gefördert“ –
das Ganze sei nicht weniger als „staatlich begünstigter, privater
Luxus (Putzfrau)“. Immerhin wartete die Hartz-Kritikerin mit eigenen Vorschlägen
für mehr Beschäftigung auf: mehr Teilzeitarbeit nach niederländischem
Vorbild. Wagner rechnet vor, dass eine Ausweitung der Teilzeitarbeit auf das
niederländische Niveau eine Ausweitung der Beschäftigung von rund
36 auf über 41 Millionen Beschäftigungsverhältnisse führen
würden – „die Arbeitslosigkeit wäre beseitigt!“
Diese Überlegungen stießen bei den Anwesenden auf entschiedenen Widerspruch.
Eugen Schlachter (UnternehmensGrün) hält eine Ausweitung der Teilzeitarbeit
für hoch problematisch. „Gerade die neuen Arbeitsfelder beruhen auf
Wissensakkumulation bei einzelnen Personen, deren Arbeitszeit ist nicht beliebig
teilbar.“ Von Vertretern einiger Beschäftigungsinitiativen wurde
zudem bemängelt, dass Wagner „Arbeit“ als statische Größe
definiere, die unter möglichst vielen zu verteilen sei. Die Erfahrungen
aus der Praxis zeigten vielfach, dass in vielen Betrieben ein Bedarf nach Arbeitskräften
bestehe („Arbeit ist da!“), der über die heutige Form der Arbeitsvermittlung
nicht adäquat gedeckt werden könnte.
„Was geht?“
Moderiert von der Fernsehjournalistin Dorothee Bamberger, forderte die abschließende
Podiumsdiskussion von den Teilnehmern einige konkrete Antworten: „Sozial-innovative
Reformen zu Gunsten kleiner und mittlerer Unternehmen: Was ist zu tun?“
Dieser Frage wollte sich UnternehmensGrün-Vorstand Gottfried Härle
nicht verschließen, gleichwohl sah er die Notwendigkeit, statt allfälliger
Lehrbuchweisheiten oder plakativer Forderungen der Verbände das politisch
Machbare in den Vordergrund zu rücken, genauer: „Was geht?“
Zum Beispiel „die Vereinfachung geringfügiger Beschäftigung“,
etwa „bis 500 Euro mit einheitlicher Besteuerung, unbürokratisch
und legal“. Oder die Verbreiterung der Basis bei den Lohnnebenkosten,
statt Arbeitnehmer und Unternehmen mit höheren Beiträgen zu belasten.
Gewerkschaftsvertreter Klaus Growitsch (Ver.di) bot dazu einen deutlichen Konterpart.
Was im Raum für Unruhe sorgte, war weniger seine Aussage, dass eine Verbreiterung
bei der Bemessung zeitversetzt zu neuen und damit insgesamt höheren Ansprüchen
führen werde. (Das Beispiel Schweiz zeigt übrigens, dass es auch anders
geht.) Vor allem die These, dass „eine Senkung der Lohnnebenkosten nicht
entscheidend für Arbeitsplätze“ sei, blieb im Publikum nicht
ohne Widerspruch.
„Betrüblicher Fakt“
Sehr viel bedächtiger wirkte da schon der wirtschaftspolitische Sprecher
der Grünen-Bundestagsfraktion, Werner Schulz, der die Erhöhung der
Rentenbeiträge ein wenig euphemistisch als „betrüblichen Fakt“
bezeichnete. Der Anstieg der Beiträge zur Sozialversicherung von 37 auf
über 42 Prozent sei durch den Prozess der Wiedervereinigung nicht mehr
zu rechtfertigen, zumal nun eine „Verfestigung“ der Verhältnisse
drohe. Als Ostdeutscher wundere er sich schon hin und wieder über die „ideologische
Überhöhung sozialer Standards“, in der DDR seien Lohnfortzahlung
und Zusatzrente Teile einer freiwilligen Sozialversicherung gewesen.
Für UnternehmensGrün-Mitglied Thomas Bethmann werden die Belange der
„Kleinstunternehmen“ vernachlässigt, auch in der öffentlichen
Diskussion um die „Kleinen- und Mittleren Unternehmen“ (KMUs). Bethmann
plädierte für eine Profilierung der „Kleinen“ (KKMUs)
und ihre stärkere Einmischung in der aktuellen Debatte. Ins selbe Horn
blies Max Schön, Präsident der Arbeitsgemeinschaft Selbständiger
Unternehmer (ASU), so seien beispielsweise in der Hartz-Kommission zwar die
Verbände, aber eben „keine selbstständigen Unternehmer vertreten“
gewesen. Dementsprechend gering waren seine Erwartungen in die Personal-Service-Agenturen
(PSA), das Konzept der „Ich-AG“ oder die Finanzierung durch „Kapital
für Arbeit“. Bei letzterem erwarte er vor allem „Mitnahmeeffekte“
ohne positive Auswirkungen für Investitionsklima und Arbeitsmarkt.
Lohnfindung der KMUs
Die beiden Vertreter von UnternehmensGrün auf dem Podium nahmen das Stichwort
„Großunternehmen“ zum Anlass, die Lohfindung – an diesem
Tag schon Thema einer Arbeitsgruppe – in einem kurzen Exkurs zu beleuchten.
Gottfried Härle machte deutlich, dass die Tarifverhandlungen der von Großunternehmen
dominierten Arbeitgeberverbände mit den Gewerkschaften regelmäßig
„zu Wettbewerbsverzerrungen geführt“ haben. Es gebe hier auch
ein Interesse großindustrieller Strukturen, über Flächentarife
kleine und mittlere Unternehmen klein zu halten. Dieser Tatbestand werde leider
immer wieder ausgeblendet.
Thomas Bethmann ergänzte für das Handwerk: Hier sei die „Lohfindung
besonders schwierig“, weil sowohl die Produktivität als auch das
Ertragsniveau geringer“ ausfalle als in der Industrie. Allerdings könnten
die „KKMUs durchaus Anreize schaffen, damit die Mitarbeiter da bleiben“.
Gibt es ein Demographieproblem?
Uneinigkeit herrschte beim Thema Rente schon auf der Analyseebene. Ver.di-Vertreter
Klaus Growitsch sieht auch für die kapitalgedeckte Variante ein Demographieproblem.
Seine Begründung war nicht recht nachvollziehbar, denn er begründete
seine These nicht mit einer möglicherweise fehlenden Nachfrage nach angesparten
Vermögenswerten auf künftigen Kapitalmärkten. Growitsch charakterisierte
jede Art von „Eigenvorsorge als Konsumverzicht“, der negativ auf
Konjunktur und damit mittelbar auf die Beschäftigung durchschlage.
Max Schön hatte zu dieser Frage – als Unternehmer – offensichtlich
einen anderen Zugang und widersprach dieser Sichtweise mit Vehemenz: „Eigenvorsorge
bedeutet Investieren, nicht Konsumverzicht.“ Im Übrigen komme eine
umlagefinanzierte Rente allenfalls für Zeiten großer Kapital- und
Vermögensverluste, etwa nach Naturkatastrophen oder Kriegen, infrage. Diese
sei gegenwärtig nicht (mehr) der Fall.
Der UnternehmensGrüne Bethmann positionierte sich in der Mitte und plädierte
nachdrücklich für eine (steuerfinanzierte) Grundrente. Auch diese
lehnte Growitsch ab: Das Demographieproblem werde sich bei der Umlage künftig
entschärfen, unter anderem weil die „Beschäftigungsquote steigt“
und die „Hinterbliebenenrenten tendenziell sinken“. Dies spreche
nicht gegen eine zweite oder dritte Säule in der Rentenversicherung, diese
aber bitte „in Maßen“.
Bleiben Sie gesund!
In der letzten Runde Gesundheitskosten. ASU-Chef Schön hielt sich mit konkreten
Forderungen für die Praxis zurück und wurde grundsätzlich. Zuerst
einmal sei eine „breite ethische Diskussion notwendig, was eigentlich
sinnvoll ist beziehungsweise geleistet werden soll“. Gottfried Härle
wurde da schon deutlicher, er hält eine Aufteilung in Grund- und Wahlleistungen
für zumutbar, „zum Beispiel einen Eigenanteil von 500 Euro im Jahr“.
Aus Arbeitnehmersicht, so Klaus Growitsch, kämen weder Eigenbeteiligung
noch Abstriche beim allgemeinen Leistungskatalog infrage. Stattdessen müssten
„Überversorgung und Fehlbelegungen abgebaut werden“, er forderte
„eine Verbesserung der Qualität und mehr Wettbewerb“.
Was bleibt?
Erhellend war die abschließende Podiumsdiskussion in zweierlei Hinsicht.
Einmal wurde deutlich, dass die „üblichen Verdächtigen“
die Probleme nicht mehr beschönigen (können). Die Diskussion zwischen
Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und Politik kommt allerdings nur langsam
in Bewegung.
Zweitens zeigt sich die offizielle Politik zwar reformbereit, verzettelt sich
in der Praxis aber gegenwärtig in Einzelproblemen. Die sprichwörtlich
„rote Linie“ wurde in der Tagung zwar mehrmals angemahnt. Es besteht
aber dennoch Hoffnung: Von „Visionen“ war nie die Rede.